Ende II

Von außen sieht das Gebäude aus wie ein modernes Hotel ohne Tradition, hochgezüchtet für den Fremdenverkehr in den Alpen und den Familienurlaub an der Ostsee. Riesige Fenster, egal, auf welcher Seite der Scheibe man steht, keine Vergangenheit. Seine Begleitung parkt den roten Polo und sie schleichen über den Vorhof auf den Eingang zu und müssen trotzdem noch abbremsen, so elendig langsam öffnet sich die Schiebetür, wie das Tor ins schwarze Land zwischen Aschen- und Schattengebirge, aus dem einzig der Schicksalsberg ragt.

Drinnen riecht es nach nichts, nicht nach Putzmittel, nicht nach alten Leuten, nicht nach Essen, obwohl es elf Uhr ist und direkt gegenüber der Speisesaal liegt. Tatsächlich ist die Eingangshalle ohne Eigenschaften. Boden, Wände, Decke, wegführende Flure und grelles, flutendes Licht. Am Ende des Tunnels muss es hell sein.

Auf der Suche begegnen sie der Schwiegermutter seiner Tante. Sie ist stark dement, taub, an den Rollstuhl gefesselt und starrt auf das Bild eines Leuchtturms. Jonas und seine Begleitung grüßen, keine Reaktion. Sie weiß nicht, dass sie angesprochen wurde und selbst wenn, kann sie dem Gesicht keine Person, keine Erinnerung zuordnen. Überall Menschen, die nicht tot sind, aber kaum noch wissen, dass sie leben und schon gar nicht, dass sie gelebt haben. Uralte Embryos ohne Nabelschnur, die nach dem vertrauten Herzschlag einer fehlenden Mutter horchen.

Etwas weiter werden sie von einer unbekannten Frau angestarrt. “Helft mir! Ich mag nicht mehr! Helft mir doch!” Jonas starrt entsetzt zurück, er ist wie angewurzelt. “Helft mir doch!” In der Hölle auf Erden verführen und locken keine Succubi. Du trittst ein und dir wird die Seele ausgesaugt. Du spürst, wie du innerlich zusammenbrichst, das Leben in dir zerbricht. Du befindest dich im Schatten und deine Gedanken werden zu Asche.

Seine Großmutter sitzt in einem Wintergarten. Sie erkennt die Gesichter als Jonas und seine Begleitung auf sie zukommen, sie lächelt, sie erzählt, wie es ihr geht und wie das Leben hier ist, immer und immer wieder, weil ihr Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert, aber sie erzählt. Und sie sieht glücklich aus. Sie sieht glücklich aus!
Eine Stunde unterhalten sie sich mit ihr und Jonas unterdrückt die Tränen, ist immer froh, wenn seine Begleitung das Gespräch am Laufen hält. Während er verzweifelt versucht auch nur ein einziges Wort zu finden.

Seine Oma wird sterben, wahrscheinlich noch vor Weihnachten. Aber sie sieht glücklich aus.

Er schaut aus dem Fenster. Draußen ein angelegter Garten ohne Vergangenheit, drinnen ein letzter, schwach glimmender Funke.

“Danke.”

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